9. März 2010


Kraków, Polen

mit guter laune werde ich auf dem roten tandem weiterfahren, aber mit schweren herzen werde ich das liegetandem hinterlassen . . .

warum bleibt das bunte drachenrad zurück?
- Felix und ich stehen hier in Krakau mit 2 tandems und keine mitfahrer…
- wir haben 2 tage das liegetandem gefahren und Felix ist bei den hügeln fast erkrankt.
- Felix kann das rad auch nicht lenken.

+ wir haben dann ein testfahrt mit hügeln mit den roten tadem gemacht und finden es viel einfacher zu fahren, egal wer vorne sitzt.
+ es ist auch universeler einsetzbar — wenn Felix vorne fährt kann ich hinten drauf händefrei stehen, oder sogar rückwärts sitzen – und treten!
+ akkordeon spielen beim fahren ist gleichfalls kein problem :-D
+ das rote tandem ist einfacher zu schieben, zu rangieren und hat einen viel kleineren lenkradius.
+ wir können beide alleine mit unserem eigenen gepäck fahren.

- im vergleich kippt das liegetandem um wenn niemand es hinten hält, und
- es ist mindestens 15kg schwerer.
- ach ja, die speichen beim liegetandem brechen jeden tag, wie die siberische fliege . . . der lange gepäckträger mit 6 ortlieb taschen, plus 2 menschen und der anhänger mit akkordeon: viel zu viel!

was ich noch nicht ausprobiert habe — wie das liegetandem als normales liegerad fährt . . . für den umbau gibt es hier ein elektrodenschweißgerät aber der typ, der das verwenden kann, kann mir nur abends helfen. ich bräuchte dafür mind. 5 tage in der werkstatt. wir wollen lieber bald in die Ukraine fahren.

es würde auch ein schweres liegerad werden — 50mm vierkantrohr mit 3mm wandstärke ist, äh, einbisschen übertrieben.
dann bleiben auch noch einige andere probleme:
- die 20″ felge hat einen schlag und wird bald platzen, musste umgespeichert werden.
- die 3-gangschaltung vom alten vorderradantrieb lässt sich seit einer woche nicht mehr einstellen.
- beim umbau, wenn ich die kette nach hinten verlege, bräuchte ich neue aufhängungen für die umlenkrollen und einen neuen tretlager vorne.
- beim versuch mit der radhöhe musste ich feststellen, dass ein liegerad mit einer gerade stange zu steil ist.

das liegetandem habe ich seit November (5 Monate) oft gefahren:
* 180 km: Kesselberg >> Pretschen >> Berlin >> Kesselberg >> Berlin
* 350 km: Berlin >> Elmshorn >> Hamburg
* 550 km: Dresden >> Kraków
es hat also über 1.000 km unter den rädern.

es wird ein zuhause in Berlin finden, wenn ich es dort hin transportieren kann. vielleicht wird es verkauft, vielleicht werden leute von jonglirium e.v. es weiter verwenden. vielleicht es es noch da wenn ich in etwa 5 jahre zurückkomme…

Markus, Felix und ich haben also 2 fahrradexperimente angefangen, beide haben viel spass gemacht. die grenzen von muskeln, stahl und shimano haben wir getestet und damit vielen augen aufgemacht.
aber ein experiment hat einfach besser geklappt. ich will nicht um das Yakmobil trauern, sondern das beste rad für die reise mitnehmen und weiter fahren.

immer hin fährt unser 3. experiment noch ziemlich gut — das tuba-tallbike :-D
und da ich fast der einzige war, der das liegetandem fahren konnte, kann ich jetzt als rotentandemfahrer endlich ab und zu das tallbike fahren, oder das liegerad, oder beim tandem hinten, oder ganz klassisch auf einem von unseren normalen fahrräder . . .

es geht voran!!

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11. März 2010


Großdrebnitz, Germany

Wir sind 2 Tage von Dresden gefahren. Da der Pressetermin bei unserem Sponsor Fahrrad XXL sich sehr in der Länge gezogen hat, sind wir am ersten Tag nicht weit gekommen — ca. 17 km. Das war überraschend wenig und nervig. Ich hatte mit ca. 50 km am Tag gerechnet, abgeschaut von den Tourneen in Andalusien und im Wendland. Am 2. Tag hatten wir viele Bergen, naja, eigentlich Hügeln. Wir reden von bloß 50 bis 100 Höhenmeter Unterschiede, aber mit dem Zirkusequipment, die wir im Gepäck haben, sind uns auf den Liegetandems und auf dem Tallbike die kleine Steigerungen manchmal so steil vor, das wir schieben müssen und auch dann sogar ab und zu Probleme haben, voran zu kommen.

Ich habe bis heute die Alu-Stelzen und eine echt mini-Kletterausrüstung dabei gehabt. Karin, meine Tandempartnerin, hat einen langen roten Vertikaltuch für Luftakrobatik gehabt. Heuteabend haben wir das alles samt Kostüme an Kat, Despina und Franni abgegeben, die uns mit einem Auto und 2 Videokameras die erste Tage begleitet haben. Sie drehen eine Dokumentation über die gesamte Reise und geben uns einen Kamera mit für die lange Strecken, wo sie nicht dabei sein können. Die Stelzen und Vertikaltuch könnten wir wieder bekommen, wenn sie uns in ein paar Tagen wieder besuchen. Bis dann betrachten Karin und ich die Reise als eine Testfahrt . . . von wie viel können wir uns trennen, um voran zu kommen, und trotzdem unsere Kunst anbieten?

Mit uns noch dabei ist das Akkordeon, die Klarinette, Clownsschminke und eine gelbe Perrücke, plus viele Kleinigkeiten wie den ein oder anderen Stofftier . . . Einen Laptop schleppen wir auch mit, um z.B. wie heute in einem Haus in Großdrebnitz, das keinen Computer und kein Internet hat, Ton- und Video-Aufnahmen zu bearbeiten und das Tagesbuch vorzubereiten. Im Internetcafe können wir dann schneller die Website aktualisieren, vorgefertigte Bilder und Emails Schicken, dabei viel Geld und Zeit sparen. Aber Gewicht kostet auch Zeit, wie wir heute deutlich gespurt haben . . .

Schon in Dresden habe ich mich von vielen nutzlichen und wertvollen Dingen getrennt:
-- die Slide-Trompete (eine kleine Version meiner Posaune, die ich extra für die Fahrradreise aus den USA gekauft habe),
-- ein paar schweren Stiefel als Ersatz für die Klickschuhe und Sandalen,
-- das Reise-Schlagzeug, die ich mir aus leichten High-Hat-Becken, einer Fußmaschine und einem Wasserfaß als Bassdrum zusammen bastelte und auf das Fahrrad montierte.
Das alles bleibt also zuhause bis ich wieder komme.

Zuhause? . . . wann werde ich zurück nach Deutschland kehren? Ich habe nicht nur vor, bis September in die Mongolei mit Rad und Bahn zu fahren, sondern weiter runter durch China und Korea nach Japan. Ein Traum wäre von Kanada durch die USA, über Kuba und einmal um Süd-Amerika mit dem Rad zu fahren, bevor ich wieder nach China mit dem Schiff rübersetze und langsam durch Süd-Asien nach Europa radele. Das könnte 3 bis 5 oder mehr Jahre dauern, weil ich überall die Kulturen kennenlernen will und Workshops bzw. Konzerte und Performances geben will.

Nach 2 anstrengenden Tagen auf guten Straßen und bei strahlendem Sonnenschein, stelle mir die Frage, ob es möglich ist, die Welt als Fahrradzirkus zu durchqueren. Noch krasseren Bergen stehen vor uns, Wind- und Sandsturme, wochenlange Rationen müssen wir irgendwann in Kasachstan mittragen weil die Dörfern zum Teil 200 km auseinander liegen . . .

Ich war sehr optimistisch als wir die Reise geplannt habe. Aber, ich werde noch das Rad und mein Gepäck optimieren, sowie meine künstlerische Anspruch ändern, um meinen nomadischen Lebensstil zu ermöglichen — und dabei ökologisch bleiben.

Übrigens, seit heute früh haben die Solarzellen 10 leeren Akkus erfolgreich geladen :-D